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Auf einen Blick:

STEER FILES: SKANDAL ERSCHÜTTERT HARD-TECHNO-SZENE

Seit Tagen erschüttert ein Skandal die internationale Hard-Techno-Szene. Auslöser sind schwere Vorwürfe gegen mehrere bekannte DJs aus dem Umfeld von Steer Management.

WAS IST PASSIERT?

Über den Instagram-Account mit dem Namen „bradnolimit“ werden seit letzter Woche schwere Vorwürfe gegen mehrere internationale Hard-Techno-DJs veröffentlicht. Der Betreiber des Accounts gibt an, früher geschäftlich mit der Agentur Steer Management verbunden gewesen zu sein. In zahlreichen Storys und Beiträgen teilt er Screenshots von Chatverläufen sowie anonyme Schilderungen. 

Brad soll ein US-Partner der französischen Künstleragentur gewesen sein. Er behauptet, er habe Steer Management aufgrund zunehmender psychischer Belastung verlassen. Die Agentur hingegen erklärt, man habe die Zusammenarbeit beendet, weil er sich Fehlverhalten habe zuschulden kommen lassen. Brad bezeichnet diese Darstellung als Schmierkampagne und erklärt, sich deshalb entschieden zu haben, über die internen Verhältnisse zu sprechen. Nach eigener Aussage erhielt er daraufhin hunderte Nachrichten sowie Screenshots von Chatverläufen, die das beweisen sollen. 

Er sammelte das Material und veröffentlichte vergangene Woche via Instagram Inhalte, die einzelnen Artists sexuelle Übergriffe, grenzüberschreitendes Verhalten sowie Machtmissbrauch vorwerfen. In einzelnen Beiträgen ist auch von mutmaßlich minderjährigen Betroffenen die Rede. Im Zusammenhang mit den Veröffentlichungen werden unter anderem die Artists Shlømo, CARV, Odymel, Basswell und Fantasm genannt. Eine unabhängige Überprüfung der veröffentlichten Inhalte liegt bislang nicht vor. 

Dance
Enrique
Dance

WIE REAGIERT DIE SZENE?

Die Vorwürfe verbreiten sich schnell, und der öffentliche Aufschrei ließ nicht lange auf sich warten. Viele Fans zeigen sich in sozialen Netzwerken schockiert und enttäuscht und wollen ihren Support für die Künstler einstellen. Unter Posts von Festivals und Clubs häufen sich Kommentare, die eine klare Haltung fordern und die Ausladungen begrüßen. Andere warnen vor vorschnellen Urteilen ohne juristische Grundlage. Diskutiert wird auch über Machtstrukturen in der elektronischen Musik, Backstage-Dynamiken und Verantwortung. 

Als Konsequenz haben innerhalb weniger Tage zahlreiche Festivals die betroffenen Artists aus ihren Line-ups entfernt. Dazu zählen unter anderem das Hive, Open Beatz, der World Club Dome und das Electric Love Festival. Die Veranstalter begründen ihre Entscheidungen überwiegend damit, dass man die Vorwürfe ernst nehme und bis zu einer Klärung keine Plattform bieten wolle. In mehreren Fällen ist ausdrücklich von einer „vorsorglichen“ oder „vorläufigen“ Maßnahme die Rede. 

Auch mehrere Clubs wie Club Ost in Berlin und Proton in Stuttgart sagen Bookings betroffener Acts kurzfristig ab. Man wolle die eigene Community schützen und potenziellen Betroffenen ein Signal senden, ohne eine juristische Bewertung vorzunehmen. Einige Veranstalter kündigen außerdem an, ihre internen Strukturen zu überprüfen. Vorgeschlagen werden unter anderem verbindliche Verhaltenskodizes, klarere Backstage-Regelungen sowie erweiterte Awareness-Konzepte. 

WIE REAGIERT DIE AGENTUR STEER MANAGEMENT?

Steer Management teilte in zwei Statements öffentlich mit, man nehme die Vorwürfe ernst. Zugleich betonte man, eine Klärung müsse „innerhalb eines fairen rechtlichen und respektvollen Rahmens” erfolgen und sie selbst seien keine “keine Ermittlungsbehörde”. Die Artists wurden zwischenzeitlich von der Website entfernt. In der Folge wurde bekannt, dass die Zusammenarbeit mit betroffenen Artists vorläufig ausgesetzt werde. Eine Vielzahl der nicht beschuldigten Artists, wie Luca Agnelli, Alt8 und Afem Syko, hat mittlerweile Steer Management samt ihrer Booker verlassen. 

WIE ÄUßERN SICH DIE BESCHULDIGTEN DJs?

Die Reaktionen der Beschuldigten fallen unterschiedlich aus: In einer Instagram-Story weist Shlømo alle Vorwürfe zurück und spricht von einer „Verleumdungs- und Diffamierungskampagne“. Er kündigt an, sich vorerst aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen und rechtliche Schritte einzuleiten. 

Auch CARV verkündete zunächst eine Pause. Er erklärte in einem Statement, er habe in der Vergangenheit private, teils explizite Nachrichten verschickt – und räumte ein, dass er damit seine damalige Ehefrau betrogen habe. Er betonte jedoch, es habe keine nicht-einvernehmlichen Handlungen gegeben. Inzwischen ist aus der angekündigten Pause ein endgültiges Ende geworden. In einem Statement heißt es: „Das Projekt DJ CARV endet hier.“ Alle Auftritte werden abgesagt, der Social-Media-Account wurde deaktiviert. 

Odymel sprach von einem einzelnen Vorwurf im Zusammenhang mit einer früheren Beziehung. Er erklärte, sich an einen konkreten Vorfall nicht erinnern zu können, und verwies auf eine mögliche Schlafstörung („Sexsomnie“), aufgrund derer es laut Vorwurf zu sexuellen Handlungen ohne Konsens gekommen sein könnte. Auch er kündigte eine Auszeit an. 

Fantasm wies die Vorwürfe vollständig zurück. Er erklärte, sämtliche Anschuldigungen seien falsch, und kündigte an, sich rechtlich zur Wehr zu setzen. 

Basswell äußert sich bislang nicht öffentlich zu den Vorwürfen. 

Amelie Lens
Amelie Lens

STATEMENTS VON ANDEREN DJs:

Auch mehrere prominente DJs haben sich öffentlich positioniert. Amelie Lens erklärte, dass sich Dancefloor und Backstage für viele Frauen nicht sicher anfühlten, und rief insbesondere männliche Kollegen dazu auf, Verantwortung zu übernehmen. Hannah Laing forderte ein grundlegendes Umdenken in der Industrie und kündigte an, betroffene Artists aus ihren eigenen Events zu entfernen. Das Duo Joyhauser veröffentlichte ein ausführliches Statement, in dem es von einer „Zerreißprobe“ für die Szene spricht und strukturelle Probleme benennt. Besonders deutlich äußerte sich auch Lari Luke, die der Branche Scheinheiligkeit vorwarf: Seit Jahren würden Safer Spaces gefordert, nun gebe man sich plötzlich überrascht. 

ME TOO DJ:

Im Zusammenhang mit den jüngsten Vorwürfen in der Hard-Techno-Szene rückt auch das internationale Kollektiv METOODJS in den Fokus. Die Initiative wurde bereits vor den aktuellen Veröffentlichungen gegründet und versteht sich als unabhängiges Unterstützungs- und Vermittlungsnetzwerk für Betroffene sexistischer und sexualisierter Gewalt in der elektronischen Musik. Das Kollektiv besteht überwiegend aus Frauen, die in der elektronischen Musikszene oder angrenzenden Bereichen arbeiten. 

Ursprünglich in Frankreich gestartet, arbeitet das Kollektiv inzwischen international. Nach eigenen Angaben haben sich seit der Gründung rund 100 Betroffene aus verschiedenen Ländern gemeldet. Die geschilderten Fälle betreffen unterschiedliche Bereiche der Szene – von Clubs und Festivals über Agenturen bis hin zu privaten Kontexten. 

Betroffene werden an spezialisierte Anwält:innen, Psycholog:innen und Fachstellen vermittelt. Mehrere juristische Verfahren sollen derzeit laufen. Falls du oder eine Person, die du kennst, betroffen bist, kannst du dich an METOODJS wenden.