Leere Kassen trotz voller Clubs
Volle Tanzflächen, aber leere Kassen. 39 Prozent der Berliner Clubs und Veranstaltenden machen Verluste. Eine neue Studie zeigt: An fehlenden Gästen liegt es nicht.
Volle Tanzflächen, aber leere Kassen. 39 Prozent der Berliner Clubs und Veranstaltenden machen Verluste. Eine neue Studie zeigt: An fehlenden Gästen liegt es nicht.
Die neue Studie „Clubkultur Berlin 2026“ zeichnet ein aktuelles Bild der wirtschaftlichen und strukturellen Lage der Berliner Clubszene. Für den quantitativen Teil der Untersuchung wurden 163 Akteur:innen der Berliner Clubkultur befragt, 102 Teilnehmer:innen schlossen die Befragung vollständig ab. Ergänzt wurden die Daten durch zwölf semi-strukturierte Leitfadeninterviews, die Martin Fuller von der Tresor Academy führte. Auch die Ergebnisse eines Expert der Clubcommission flossen in die Untersuchung ein. Es ist die erste große Erhebung zur Berliner Clubkultur seit 2019 und sie stellt einen tiefgreifenden Wandel der Szene fest.
Im Mittelpunkt stehen die veränderte Umsatzstruktur und das Ausgehverhalten. 2017 erwirtschafteten Clubs rund 60 Prozent ihrer Einnahmen mit Gastronomie und Getränken. Heute sind es nur noch 20 Prozent, während 59 Prozent der Einnahmen aus Eintrittsgeldern stammen. Der Umsatz hat sich damit deutlich von der Bar zur Tür verschoben. Ein Grund dafür ist das Verhalten der Gäste: Mehr als 70 Prozent der Clubs beobachten einen rückläufigen Alkoholkonsum. Aufenthalte werden kürzer und Besucher:innen geben ihr Geld selektiver aus. Von einem grundsätzlichen Ende klassischer Clubnächte kann dennoch keine Rede sein. Formate wie Day-Partys oder Sober Raves ergänzen das Nachtleben, ersetzen es laut Studie aber nicht.
Während die Kaufkraft des Publikums sinkt, steigen die Ausgaben. Personal- und Betriebskosten gehören für einen Großteil der Befragten zu den größten Belastungen, hinzu kommen hohe Mieten. Nur noch 61 Prozent der Clubs arbeiten kostendeckend. Sieben Jahre zuvor waren es 79 Prozent. Der Anteil der Betriebe mit Verlusten stieg im selben Zeitraum von 21 auf 39 Prozent. Besonders schwierig ist die Situation für mittelgroße Veranstaltungsorte mit Kapazitäten zwischen 201 und 500 Personen.
Um die Finanzierung der Clubs zu sichern, werden vielerorts die Eintrittspreise erhöht. Die Abwälzung auf das Publikum sehen fast alle Befragten als zusätzliche Zugangshürde für Bestimmte Bevölkerungsgruppen. Was wirtschaftlich notwendig erscheint, könnte Clubkultur für Menschen mit geringerem Einkommen schwerer zugänglich machen.
Die wirtschaftliche Situation beeinflusst längst die Programmgestaltung. Rund 60 Prozent haben ihre musikalische Ausrichtung erweitert oder Booking und Kuration angepasst. Die Hälfte experimentiert mit anderen Veranstaltungszeiten. Auch Kooperationen mit anderen Clubs, der Kreativwirtschaft oder Initiativen gewinnen an Bedeutung. Immer mehr Clubs versuchen zudem, sich mit öffentlichen Fördermitteln über Wasser zu halten. 74 Prozent sehen sich zunehmend auf staatliche Unterstützung angewiesen, 39 Prozent beantragen verstärkt Förderungen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Öffentliche Gelder machen gerade einmal zwei Prozent der gesamten Umsatzstruktur aus.
Zur finanziellen Krise kommt die Standortfrage. Nur acht Prozent besitzen ihre Spielstätte selbst. Fast ein Drittel arbeitet mit Miet- oder Pachtverträgen, die weniger als fünf Jahre laufen. Für viele Betreibende erschwert das langfristige Investitionen und Planungen. Steigende Gentrifizierung und Konflikte um Lärmschutz verschärfen die Situation zusätzlich.
Nahezu jeder vierte Betrieb denkt darüber nach, innerhalb der kommenden zwölf Monate aufzugeben. Fast alle Befragten sehen die langfristige Existenz vieler Berliner Clubs gefährdet, wenn sich die Rahmenbedingungen nicht verbessern. Die Studie beschreibt die Entwicklung dennoch weniger als Clubsterben denn als Wandel der Clubkultur. Seit 2020 haben laut Clubcommission mindestens 24 Club- und Kulturstandorte geschlossen, rund 25 neue sind entstanden.
Die Interviews mit Clubbesucher:innem zeigen, welche gesellschaftliche Bedeutung diese Orte haben. Die Studie beschreibt Clubs als Räume für Gemeinschaft, Identitätsfindung und persönliche Entwicklung. “Sie [Clubkultur] hat mich sehr, sehr geprägt. Ich glaube, sie hat mich selbstbewusst gemacht und mir geholfen, stolz auf meine Identität zu sein. Und sie hat mir einen Raum gegeben, in dem ich scheitern konnte, ohne mich dafür schämen zu müssen“, sagt ein:e Clubbesucher:in in der Studie. Eine andere Person beschreibt Clubs als wichtigen Ort, um die eigene Queerness zu entdecken und auszuleben.
Ihre Strahlkraft prägt zudem das internationale Image Berlins. Den indirekten wirtschaftlichen Beitrag der Berliner Clubkultur beziffert die Untersuchung auf rund 2,8 Milliarden Euro pro Jahr. Clubs ziehen Tourist an, schaffen Arbeitsplätze und bringen Kundschaft in Gastronomie und Kreativwirtschaft.
Aus den Ergebnissen leitet die Clubcommission politische Forderungen ab. Landeseigene Immobilien sollen stärker für Clubkultur geöffnet und Förderungen langfristiger statt ausschließlich projektbezogen organisiert werden. Gefordert werden außerdem die rechtliche Anerkennung von Clubs als Kulturstätten, bessere Rahmenbedingungen für die Betriebe und eine stärkere soziale Absicherung der Beschäftigten.