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UNTOLD Padre Guilherme
UNTOLD
UNTOLD Padre Guilherme

Is God a DJ?

Tagsüber Priester, abends Techno DJ: Padre Guilherme über die besondere Kraft des Dancefloors

Ein Rave an der Christus-Statue in Rio, mit Collarhemd am DJ-Pult und Grußbotschaften vom Papst zwischen Techno-Tracks: Dass DJs tagsüber noch einen anderen Job haben, ist nichts Ungewöhnliches. Dass dieser Beruf katholischer Priester ist, hingegen schon. Padre Guilherme vereint wie kein zweiter die beiden Welten Kirche und Techno. 

Und das mit Erfolg: Auf dem UNTOLD-Festival in Rumänien beispielsweise spielt der portugiesische Priester das Closing der Mainstage bis 5 Uhr früh an einem Montag und zieht um diese Uhrzeit deutlich mehr Menschen auf den Dancefloor, als die Acts der vorherigen Tage. In seiner Setlist folgt ein Höhepunkt auf den nächsten, zwischen Festival-Klassikern der Swedish House Mafia, AVICII, Enrico Sangiuliano oder Fatboy Slim finden sich Techno Edits des Super Mario Theme, eine Videomessage vom Papsst und selbstironische Augenzwinker-Momente, wenn zum Beispiel "Knocking On Heaven's Door" erklingt. Ein absolutes High Energy-Set, bei dem Padre Guilherme selbst strahlt wie das sprichwörtliche Honigkuchenpferd.

Padre Guilherme im SUNSHINE LIVE Interview
Padre Guilherme im SUNSHINE LIVE Interview

Kirche meets Club?

Wo andere Menschen Widersprüche sehen oder zumindest kurz irritiert sind, zeigt Padre Guilherme, welche Gemeinsamkeiten Messe und Festival haben können: Beide erzeugen Gemeinschaft, jedoch auf völlig unterschiedliche Weise. Deshalb trennt er seine beiden Wirkungsbereiche auch sehr strikt und hat damit schon häufig die Erwartung enttäuscht, dass es bei ihm auch in der Kirche ungewöhnlich zugeht: "I'm very traditional inside of the church", sagt er im SUNSHINE LIVE Interview. "I think these times are important in life, you know, you have time for having fun, for celebrate, but also time for silence, for praying, to listen also to the voice of God. And if the mass is noisy, it's not possible."

Seine Geschichte als DJ beginnt vergleichsweise unspektakulär. Vor rund 20 Jahren hat Padre Guilherme bei Veranstaltungen seiner Gemeinde zunächst Musik vom Laptop gespielt, später hat er das Auflegen professioneller gelernt und dafür sogar eine DJ-Schule in Porto besucht. Lange trat er nur unter der Bedingung auf, dass weder Fotos gemacht noch Flyer mit seinem Namen gedruckt wurden. Erst während der Pandemie begann er mit Livestreams und verlor die Scheu davor, sich öffentlich als DJ zu zeigen.

Heute steht er vor einem Publikum, das weit über seine Gemeinde hinausgeht. Und genau das macht für ihn die Kraft der elektronischen Musik aus: "If you go to the mass, we have inside the Christians. But if you come to an electronic concert, we have the [...] reunion of different believers, different religions, [people] without religion. That is the beautiful power of electronic music."

Dabei ist es gerade die Unterschiedlichkeit der Menschen, die für Padre Guilherme den Dancefloor so besonders macht. Während Religion häufig auch bedeutet, sich einer bestimmten Gemeinschaft zuzuordnen, funktioniert elektronische Musik für ihn zunächst einmal ohne solche Voraussetzungen. Entscheidend ist nicht, woran jemand glaubt, sondern dass für ein paar Stunden alle Teil derselben Crowd sind.

"The electronic culture is a culture of unity, of respect, of tolerance", sagt er. "No one cares about the religion of the other, if he believes or not. It's a family."

Musikalische Vorbilder sind für ihn dabei DJs, die selbst die Massen bewegen: Carl Cox, Jeff Mills, Eric Prydz oder auch Tale of Us. Bleibt eigentlich nur noch eine Frage offen: Is God a DJ? Padre Guilherme muss lachen. Ganz festlegen will er sich nicht, "but he's a great musician, for sure."

Neben Edits für seine Sets produziert Padre Guilherme auch komplett eigene Musik. Am 2. Oktober 2026 erscheint "Fado", eine EP, auf der er traditionelle portugiesische Musik mit Melodic Techno verbindet.

Autorin: Katha