DJ Nikasaurus
DJ Nikasaurus
IV mit DJ Nikasaurus

„Wer legt hier eigentlich auf?“ fragt Nika

DJ Nikasaurus setzt sich neben ihrer Arbeit hinter den Decks für mehr Sichtbarkeit von FLINTA* Artists ein. Auf Social Media spricht sie z.B. über Diversität in Freiburger Clubs.

DJ geworden ist sie eher zufällig. Schon länger interessierte sie sich fürs Auflegen, auch weil Freunde von ihr als DJs aktiv waren. Irgendwann bot ihr jemand an, es selbst einmal auszuprobieren. Der erste Versuch lief allerdings alles andere als gut. Sie erinnert sich, dass es ein „kompletter Reinfall“ war und sie sich ziemlich geschämt hat. Doch statt es dabei zu belassen, ermutigte ein Freund sie, weiterzumachen. Kurz darauf zog er nach Italien und ließ seine Decks bei ihr zurück. Für sie bedeutete das vor allem eines: viel Zeit zum Üben. So begann ihre DJ-Laufbahn. 

Heute legt sie regelmäßig auf, zum Beispiel als Resident-DJ im Jazzhaus in Freiburg, wo sie vor allem 2000er-Sets spielt. Musikalisch ist sie sonst ziemlich breit aufgestellt: von 80ern, 90ern und 2000ern über Drum’n’Bass bis hin zu Trance und Techno. Als Frau in der Szene wird ihr aber schnell bewusst, dass sie es nicht immer ganz leicht hat. Den support den sie von ihren Freund:innen bekommt, gibt sie wiederum weiter an andere maginalisierte DJs in der Szene.  

DJ Nikasaurus
DJ Nikasaurus

J: Auf Social Media beschäftigst du dich viel mit Diversität und Gleichberechtigung in der Szene. Du hast auch eine Videoreihe, in der du analysierst, wie viele FLINTA*-Artists in Freiburger Clubs spielen. Wie kamst du auf die Idee? 

N: Ich habe mir einfach selbst die Line-ups angeschaut und gemerkt, dass sie oft sehr cis-männlich sind. Gleichzeitig hat mich auch Rike van Kleef inspiriert, die sich Festival-Line-ups angeschaut und ziemlich erschreckende Zahlen gezeigt hat. Da dachte ich mir: Ich schaue mir mal an, wie es hier in Freiburg aussieht. Gerade rund um Weihnachten und Silvester ist mir nochmal besonders aufgefallen, wie wenige FLINTA*-Personen gebucht waren. So kam die Idee zustande. 

J: Und was zeigen deine Zahlen bisher? 

N: Es ist tatsächlich gar nicht so schlecht, wenn man es mit anderen Orten vergleicht. Die Kritik ist also auf einem relativ hohen Niveau, aber sie ist trotzdem wichtig. An guten Tagen sind vielleicht etwa 23 Prozent der Artists FLINTA*. Es gab aber auch schon Abende ohne eine einzige Person. Im Schnitt würde ich sagen, es liegt irgendwo bei 15 bis 17 Prozent. Ich mache das Ganze erst seit Januar und möchte eigentlich alle drei Monate eine Bilanz ziehen. 

J: Du sprichst auf Social Media auch über persönliche Erfahrungen. Was ist dir in der Szene schon passiert? 

N: Leider einiges. Es passiert zum Beispiel sehr häufig, dass Leute glauben, sie müssten mein Equipment für mich aufbauen vor allem bei kleineren Veranstaltungen, wenn ich mein eigenes Equipment mitbringe. Meistens Männer, die davon ausgehen, dass sie das besser können als ich. Dabei ist es ja mein Equipment. Oder sie stellen mir Quizfragen darüber, welche Kabel wofür sind. 

Es kommt auch oft vor, dass Leute nicht glauben, dass ich die DJ bin. Wenn ein Mann neben mir auf der Bühne steht, fragen Leute ihn nach Musikwünschen, obwohl ich auflege. Oder jemand fragt mich ernsthaft, ob ich nicht von der Bühne runtergehen und tanzen will, damit er kurz einen Song spielen kann, den er mitgebracht hat. Und ich denke mir nur: Ich arbeite gerade. 

Ich habe hinter dem DJ-Pult geweint
DJ Nikasaurus

J: Wie gehst du mit solchen Situationen um? 

N: Heute habe ich da eine klarere Linie. Ich weiß, dass ich aus einem Grund gebucht wurde und dass ich meinen Job kann. Wenn jemand etwas Respektloses sagt, kann ich inzwischen auch sagen: „Das meinst du vielleicht nicht böse, aber ich arbeite hier gerade.“ Aber das war nicht immer so. Am Anfang hat mich das sehr verunsichert. Ich habe nach manchen Gigs und manchmal sogar währenddessen, heimlich hinter dem DJ-Pult geweint, weil ich dachte, ich kann das nicht. Ich hatte oft das Gefühl, es reicht nicht und vielleicht haben die anderen ja recht. Wenn ich nicht so viele Menschen in meinem Umfeld gehabt hätte, die mich unterstützt haben, hätte ich wahrscheinlich schon längst aufgehört. 

J: Ist das auch ein Grund, warum du angefangen hast, darüber öffentlich zu sprechen? 

N: Ja. Einerseits wollte ich das sichtbar machen. Ich habe meinen Freunden schon so viel davon erzählt und irgendwann gemerkt, dass ich nicht immer nur privat darüber reden möchte. Social Media ist eine Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu schaffen. Und auch ein bisschen ein Druckmittel: Wenn ein Club zum Beispiel ein halbes Jahr lang keine einzige Frau gebucht hat, dann fällt das plötzlich auf. Mir ist aber auch wichtig, andere zu ermutigen. Ich hätte mir am Anfang auch mehr Vorbilder gewünscht. Zu sehen, dass es andere Menschen gibt, die ähnliche Erfahrungen machen und trotzdem weitermachen, kann sehr viel helfen. 

J: Wie sieht das aus? 

N: Neben meinen Videos gebe ich auch DJ-Workshops für FLINTA*-Personen. Ich glaube, Zugang zu Technik ist ein wichtiger Punkt. Viele wissen am Anfang gar nicht, wie sie anfangen sollen oder wie man überhaupt an Club-Equipment kommt. In den Workshops geht es auch darum, Fragen zu stellen: Wie fragt man Clubs an? Wie funktioniert die Szene? Und auch darum, sich gegenseitig zu vernetzen. 

Wenn ein Club zum Beispiel ein halbes Jahr lang keine einzige Frau gebucht hat, dann fällt das plötzlich auf
DJ Nikasaurus

J: Wie ist das Feedback auf deine Arbeit? 

N: Im privaten Umfeld ist es überwiegend positiv. Aber online ist es sehr gemischt. In letzter Zeit habe ich leider auch viele Hasskommentare bekommen. Wirklich schlimme Sachen, zum Beispiel, dass Menschen wie ich nicht existieren sollten oder dass ich „Abschaum“ sei. Einmal wurde ich sogar gefragt, ob ich Jüdin sei, von jemandem, der antisemitische Kommentare geschrieben hat. Ich glaube, ich bin da in eine ziemlich unangenehme Bubble geraten. 

Gleichzeitig bekomme ich aber auch viele sehr lange, positive Nachrichten von Menschen, die sagen, dass sie sich durch meine Videos mit dem Thema beschäftigt haben. 

J: Aber aufhören würdest du wegen dieser Hasskommentare nicht? 

N: Nein, Aufhören möchte ich nicht. Im Gegenteil, ich habe gemerkt, dass es gerade deshalb wichtig ist. Mir hat zum Beispiel einmal jemand geschrieben, dass die Person eigentlich mit dem Auflegen aufhören wollte. Nach meinen Videos hat sie sich doch wieder getraut, bei einer Party aufzulegen. Das berührt mich sehr, weil ich mich selbst daran erinnere, wie ich manchmal nach Hause kam und dachte: „Nie wieder.“ 

J: Was braucht es deiner Meinung nach, damit die Szene langfristig diverser wird? 

N: Mehrere Dinge. Zum einen Zugang zu Technik, Wissen und Geld. Workshops oder Räume, in denen Menschen ausprobieren können, sind sehr wichtig. Dann Netzwerke und Vorbilder. Es gibt zum Beispiel Kollektive wie female:pressure oder lokale Netzwerke. Sich zu vernetzen und gegenseitig zu unterstützen ist unglaublich wichtig. Außerdem müssen auch Clubs bewusst diverser buchen und nicht einfach davon ausgehen, dass die Line-ups „natürlich“ so aussehen. Und ein weiterer Punkt ist Sicherheit. Viele Erfahrungen sind nicht „nur“ unangenehm, sondern auch sexistisch oder grenzüberschreitend. Clubs brauchen Awareness-Konzepte, klare Regeln und Konsequenzen für solches Verhalten. 

Von Johannah Hainke