Deutscher ESC-Beitrag: Alles über „Fire“
Wien glitzert und funkelt: Am Samstag wird hier die 70. Ausgabe des Eurovision Song Contests ausgetragen. Für Deutschland tritt Sarah Engels mit „Fire“ an. Alles zur Entstehung des Songs lest ihr hier
Wien glitzert und funkelt: Am Samstag wird hier die 70. Ausgabe des Eurovision Song Contests ausgetragen. Für Deutschland tritt Sarah Engels mit „Fire“ an. Alles zur Entstehung des Songs lest ihr hier
Und schon steht der Eurovision Song Contest (ESC) wieder vor der Tür. Die 70. Ausgabe wird von unseren Nachbarn ausgetragen – Österreich ist Gastgeber, nachdem im vergangenen Jahr JJ mit „Wasted Love“ gewann. Und seit Tagen laufen die ESC-Mühlen auf Hochtouren. Mit dem zweiten Halbfinale am Donnerstagabend stehen nun auch die 25 Teilnehmer:innen für das Finale fest. Deutschland gehört neben Groß Britannien, Frankreich und Italien zu den großen Geldgebern des ESC und ist damit automatisch für das Finale am Samstag gesetzt.
Ende Februar wurde entschieden, wer Deutschland 2026 vertritt: Sarah Engels setzte sich mit „Fire“ in der ARD-Show „Eurovision Song Contest – Das Deutsche Finale“ gegen acht andere Bewerber:innen durch. Ob es ein Gewinner-Song ist, bleibt abzuwarten. In den vergangenen zehn Jahren lief es für deutsche Beiträge beim ESC jedoch immer wieder schlecht. Und auch in diesem Jahr kommt der 33-jährigen Sängerin eine schwierige Aufgabe zu: Sie tritt bereits als zweiter Act auf. Ein früher Startplatz gilt als schwierig, weil der Abend erst noch ins Rollen kommen muss und spätere Auftritte Zuschauer:innen meist stärker im Gedächtnis bleiben.
Aber Sarah Engels hat mit ihrem Team einen Song gebaut, der ESC-Energie versprühen kann: starke Beats, singbare Lyrics, großer Show-Effekt, Charisma, Sexyness, Beschwingtheit und Tanzbarkeit. Aber wie entsteht so ein Song überhaupt? Und wer steckt alles dahinter?
Wir haben mit einem der Produzenten von „Fire“ gesprochen: Dario Schürmann. Er verrät, dass es ursprünglich gar nicht der Plan war, einen dreiminütigen Pop-Song für die ESC-Bühne zu schreiben. Er und Engels Produzenten-Team flogen Ende 2024 nach Morokko. Der Plan, ein simpler: raus aus dem deutschen Winter, gemeinsam Musik machen und schauen, was entsteht. „Wir haben uns einfach gesagt: Wir nehmen uns da jetzt ein Haus alle zusammen, schreiben ein paar Songs. Und wenn was Cooles dabei rauskommt, schön. Wenn nicht, dann haben wir einfach einen geilen Urlaub“, erzählt Schürmann im Electronic Music Weekly Podcast.
Bei 30 Grad im Studio in Marokko entstand dann eine erste Version von „Fire“. Zunächst sah das Team den Song noch gar nicht auf der großen Bühne. Die sommerlichen Temperaturen und die ständige Bewegung beim Produzieren hätten sie inspiriert: „Wir haben es einfach gefühlt, einen sommerlichen Song zu schreiben.“ Eigentlich arbeitete das Team zu diesem Zeitpunkt an Engels’ Album „Strong Girls Club“. „Fire“ war nur eine Demo unter vielen. Doch dann war der Song da. Die große Frage lautete: Was passiert damit? Aufs Album? Ein WM-Song? Die Idee kam von Sarahs Freund und Ex-Fußballprofi Julian Büscher. Oder doch für ein ganz anderes Projekt? Vielleicht auch gar nicht veröffentlichen? Später fiel die Entscheidung, ihn beim ESC einzureichen.
Für mich ist das Wichtigste, dass ein Song sofort hängen bleibt und einen echten Ohrwurm erzeug.
Erst als feststand, dass „Fire“ im deutschen Vorentscheid antreten würde, wurde der Song noch einmal umgekrempelt und überlegt, wie die drei Minuten maximal ausgereizt werden können. „Für mich ist das Wichtigste, dass ein Song sofort hängen bleibt und einen echten Ohrwurm erzeugt”, erklärt Schürmann. “Das Schwierigste ist dabei, etwas zu finden, das es so noch nicht gab.“ Im engen Austausch mit Engels entwickelten Dario Schürmann, Valentin Bös, Raphael Lott und Luisa Heinemann die Nummer weiter. In dem Zuge entstand der Dancebreak – mittlerweile einer der wichtigsten Momente des Songs, existierte anfangs nämlich gar nicht. Auch die hohe Schlussnote (for the drama) wurde erst später ergänzt. Schürmann erzählt, dass das ein Wunsch von Engels war, den er gerne umsetzte. „Das ist schon das, was den Song noch mal aufs nächste Level gebracht hat“, findet er.
Der Austausch zwischen Engels, Produzent:innen und Songwriter:innen ist für Schürmann etwas Besonderes. Anders als bei vielen anderen ESC-Acts wurde hier nicht auf internationale Songwriter-Camps, externe Hit-Produzenten oder große Writing-Teams gesetzt. „Fire“ wurde komplett intern entwickelt: „Von der ersten Note bis zum letzten Mastering – das sind einfach wir.“ Auch über kleine Details im Song, wie die geflüsterten Vocals im Dancebreak („I’m on fire, fire. You’re a liar, liar.“), freut sich das Team immer, wenn sie es live sehen. Die Idee sei ganz spontan entstanden und stamme laut Schürmann von Produzent Malte Niehaus.
Mit konkreten Erwartungen geht Dario nicht in den Wettbewerb. Im Vordergrund stehe für ihn die Erfahrung. Von Engels ist er dennoch überzeugt: „Die hat wirklich das Feuer in sich drin.“ Er beschreibt sie als sehr professionell und diszipliniert. „Ich habe selten mit einer so professionellen Künstlerin gearbeitet wie Sarah“, sagt der Produzent. „Die kommt ins Studio und ist sofort am Start. Jeder Ton sitzt.“ Sie habe sich auch die Choreografie in kurzer Zeit erarbeitet und sei mit großem Ehrgeiz dabei.
Von der ersten Note bis zum letzten Mastering – das sind einfach wir.
Für Schürmann selbst ist sein ESC-Moment auch deshalb besonders, weil er sich eigentlich bewusst aus dem Rampenlicht zurückgezogen hatte. Früher veröffentlichte er selbst Musik unter dem Namen Dario Rodriguez und legte als DJ auf. Inzwischen arbeitet er lieber im Hintergrund, schreibt Songs und produziert für andere Künstler:innen.
Dass er nun trotzdem Teil der deutschen ESC-Delegation ist, bezeichnet er als „Fiebertraum“. Vor allem die Dimension des Wettbewerbs habe ihn überrascht: „Der ESC hat mehr Zuschauer als der Super Bowl. Da gucken 180 Millionen Menschen zu!“ Die Aufmerksamkeit sei nicht immer einfach, verrät er im Podcast. Vor dem deutschen Vorentscheid habe er sich jede Reaktion auf den Song angesehen: YouTube-Videos, Kommentare, Analysen. Manche hätten genau verstanden, was das Team mit dem Song erreichen wollte, andere gar nicht. „Das gehört dazu“, sagt er heute.
Und Kritik am Song gibt es reichlich – schließlich ist der Druck groß. Lena Meyer-Landrut war mit „Satellite“ im Jahr 2010 die letzte wirklich erfolgreiche Teilnehmerin für Deutschland. Mit Startnummer zwei muss Engels es schaffen, im Gedächtnis zu bleiben. Das wissen offenbar auch die Songwriter. Kurz vor dem ESC in Wien gab es noch eine große Änderung: Sarah Engels startet nun mit einer langsameren Piano-Version in ihr Lied, anstatt direkt mit dem bekannten Elektro-Pop-Sound. Ob das reicht, um im kollektiven Gedächtnis der ESC-Fans zu bleiben, wird sich am Samstagabend zeigen.
Die ganze EMW Folge und noch mehr Einblicke in den Entstehungsprozess von „Fire“ hört ihr hier.
Der Eurovision Song Contest wird seit 1956 ausgetragen und ist einer der größten Musikwettbewerbe der Welt. Jedes Jahr treten Künstler:innen aus zahlreichen europäischen Ländern mit einem eigenen Song gegeneinander an. Organisiert wird der Wettbewerb von der European Broadcasting Union. Jedes teilnehmende Land schickt einen Act ins Rennen, der einen Song live performt. Anschließend vergeben nationale Jurys und das Publikum Punkte. Das Gewinnerland richtet den Wettbewerb im darauffolgenden Jahr aus. Die 70. Ausgabe findet am 16. Mai in Wien statt. Das Jubiläum steht allerdings auch im Zeichen eines politischen Konflikts rund um die Teilnahme Israels. Aus Protest dagegen boykottieren die Niederlande, Spanien, Irland, Slowenien und Island den Wettbewerb. Sie kritisieren Israel wegen des Vorgehens im Gazastreifen.