"Niemand möchte nur wegen des Geschlechts im Line-up stehen"
Alicia Fricke ist DJ und Bookerin, im Interview spricht sie über Booking, Diversität und Gleichberechtigung in der elektronischen Musikszene.
Alicia Fricke ist DJ und Bookerin, im Interview spricht sie über Booking, Diversität und Gleichberechtigung in der elektronischen Musikszene.
J: Alicea, du hast ziemlich viele Rollen in der Clubkultur. Was genau machst du alles?
A: Ich habe tatsächlich viele Rollen. Ich bin als DJ und Producerin aktiv, arbeite als Bookerin für die Rote Sonne in München und bin seit letztem Jahr Jurymitglied in der Künstlerinnenförderung der Initiative Musik. Dadurch habe ich einen ziemlich guten Überblick darüber, was gerade in der Szene passiert. Hauptberuflich arbeite ich eigentlich in der Medienbranche, aber die Clubkultur begleitet mich schon sehr lange.
J: Du warst zuerst DJ und bist dann ins Booking gewechselt, damals im Harry Klein. Wie kam es dazu?
A: Das war überhaupt nicht geplant. Ich glaube, in den Bookerinnen-Job rutscht man eher rein. Ich war schon immer sehr viel im Club aktiv. Man hat mich gekannt, man hat gewusst, ich bin sehr engagiert. Ich war auch Teil eines queer-feministischen DJ-Kollektivs in München (WUT). Die Zusammenarbeit mit dem Club war so immer eng und ich habe auch vor allem feministische Arbeit vorangetrieben.
Während der Corona-Zeit wurde ich dann gefragt, ob ich das „Mary Klein“-Festival mitkuratieren möchte. Das ist ein einmonatiges Club Festival, bei dem ausschließlich FLINTA*-Artists gebucht wurden. Ich durfte gemeinsam mit dem Harry Klein Vorschläge machen. Der damalige Hauptbooker und Geschäftsführer Peter Fleming hat mir gezeigt, wie Booking funktioniert. Nach diesem Monat durfte ich weitermachen, weil es gut lief und mir die Arbeit unglaublich viel Spaß gemacht hat. Ich habe dann bis zur Schließung des Clubs 2024 das Booking übernommen.
J: Bedeutet es dir etwas, erste weibliche Bookerin in Münchens elektronischer Szene zu sein?
A: Ob ich wirklich die erste war, weiß ich nicht. Es gab sicher auch vor mir Frauen im Booking, vielleicht nicht unbedingt in elektronischen Clubs, aber generell. Ich war zumindest die erste im Harry Klein und jetzt auch die erste Bookerin in der Roten Sonne. Mir ist Diversität im Team sehr wichtig. Je diverser ein Team ist, desto mehr Perspektiven kommen zusammen. Für mich ist klar, dass es kein Only-Men-Line-up geben sollte. In meiner eigenen Veranstaltungsreihe in der Roten Sonne arbeite ich sogar mit reinen FLINTA*-Line-ups. Ich erwähne das aber gar nicht groß, weil ich es als selbstverständlich empfinde. Was ich problematisch finde, ist dieses Prinzip: „Wir brauchen noch eine Frau fürs Opening.“ Dieses reine Quoten-Denken finde ich total uncool.
J: Versteh ich, als DJ will man ja nicht nur wegen des Geschlechts gebucht werden.
A: Genau. Niemand möchte gebucht werden, weil gerade noch eine Frau im Line-up fehlt. Und ich höre immer wieder dieses Argument: „Die Musik ist das Wichtigste.“ Das stimmt natürlich, aber es gibt sehr viele gute weibliche DJs und genauso viele schlechte männliche DJs. Qualität hängt nicht am Geschlecht. Es geht darum, bewusst zu buchen und auch Main-Time-Slots an FLINTA*-Artists zu vergeben. Es gibt inzwischen viele erfolgreiche weibliche DJs, die sehr gefragt sind. Trotzdem sehe ich immer noch Line-ups, bei denen ich denke: Da waren wir doch schon weiter.
Mein Wunsch wäre ein 50/50-Line-up
J: Beobachtest du aktuell wieder einen Rückschritt?
A: Ja, wir sind gerade in einer schwierigen Situation. Viele Clubs strugglen, die Leute gehen weniger feiern, Eintrittspreise steigen, es wird weniger konsumiert. Clubs müssen wirtschaftlich denken und versuchen, ihren Weg zu finden. Wir in der Roten Sonne setzen bewusst auf Rising Artists und nicht auf extrem teure Superstar-DJs. Aber ich verstehe auch Clubs, die sagen, sie können sich das Risiko nicht leisten, zu viele Newcomer zu buchen. Trotzdem finde ich, man muss sich anstrengen und recherchieren. Es gibt genug talentierte FLINTA*- und BIPOC-Artists, die man unterstützen kann.
Seit Corona hat sich viel bewegt. Während der Schließungen sind viele neue Kollektive entstanden und es kam viel neue Energie in die Szene. Es ist auch einfacher geworden aufzulegen, weil Technik zugänglicher ist. Ich finde schon, dass es diverser geworden ist. Aber wenn ich auf große kommerzielle Festivals schaue, ist die Quote immer noch zu niedrig. Mein Wunsch wäre ein 50/50-Line-up. Es geht voran, aber wir sind noch nicht da.
J: Gibt es aus deiner Sicht einen Gender Pay Gap in der Szene?
A: Aus meiner Booking-Perspektive behandle ich alle gleich. Die Gage richtet sich nach Erfahrung, Releases, bisherigen Auftritten und nicht nach dem Geschlecht. Was ich aber wahrnehme, ist, dass vielen das Verhandeln schwerfällt. Gerade Frauen oder FLINTA*-Artists tun sich manchmal schwerer zu sagen: „Das bin ich wert.“ Verhandeln muss man lernen, und man sollte das möglichst früh selbst übernehmen und nicht sofort abgeben. Für sich selbst einzustehen ist wichtig.
J: Was muss sich für mehr Sichtbarkeit noch ändern?
A: FLINTA*-Artists sollten sich zusammenschließen. Andere Frauen nicht als Konkurrenz sehen, sondern Netzwerke aufbauen. Sich gegenseitig helfen, Veranstaltungen organisieren, Kollektive gründen. Als Einzelkämpferin ist es schwieriger. Man muss füreinander da sein und nicht gegeneinander arbeiten. Das ist aus meiner Sicht das Wichtigste.