Von Nachtschwärmern und Freigeistern
Mischa Hallers Fotobuch „Not Done Yet – Glastonbury After the Music“ ist eine Ode an die Nachtschwärmer des berühmtesten Musikfestivals Großbritanniens.
Mischa Hallers Fotobuch „Not Done Yet – Glastonbury After the Music“ ist eine Ode an die Nachtschwärmer des berühmtesten Musikfestivals Großbritanniens.
Jedes Jahr pilgern am letzten Juniwochenende Hunderttausende Menschen zum Glastonbury Festival. Eingebettet in die sanften Hügel von Somerset in England entsteht dort eine Art Parallelwelt für Musikliebhaber:innen, Freigeister, Kunst- und Modebegeisterte, alternative Lebensentwürfe, für Jung und Alt, für alle dazwischen und außerhalb. Dort, wo sonst nur Kühe grasen, erstreckt sich seit den 1970er-Jahren einmal im Jahr ein Meer aus Zelten und Bühnen, die sich wie große Felsen herausheben. Die Familie Eavis, der das Land gehört, hat mit dieser Beliebtheit nicht gerechnet. Michael Eavis war Bauer, als er das Festival ins Leben rief. In Anlehnung an Woodstock veranstaltete er in seinem „Hinterhof“ ein ähnliches Event, das ursprünglich „Pilton Pop, Blues & Folk Festival“ hieß.
Heute spielen auf mehr als 100 Bühnen bekannte Artists und neue Talente. Das Festival war im Laufe der Jahre Schauplatz zahlreicher ikonischer Auftritte: David Bowie, The Cure, die Rolling Stones, Beyoncé, Taylor Swift, Kendrick Lamar und RAYE standen hier bereits auf der Bühne. Auch DJs wie Amelie Lens, Joy Orbison, Jayda G, Carl Cox, Peggy Gou und Eric Prydz haben ihren elektronischen Sound nach Somerset gebracht. Jenseits der Musik fördert Glastonbury auch andere Kulturformen, darunter Theater, Tanz, Comedy und bildende Kunst. Auch in Sachen Umweltschutz gilt das Festival in vielen Bereichen als Vorbild für andere Großveranstaltungen. Es setzt auf Nachhaltigkeit, Recycling und umweltbewusste Initiativen. In diesem Jahr haben sich die Veranstalter:innen außerdem dazu entschieden, eine Pause einzulegen, damit sich die Natur erholen kann.
Neben Musik, Kunst und Mode macht aber vor allem eines das Festival so besonders: die Menschen. In Glastonbury kommen Besucher:innen unterschiedlichster Herkunft zusammen, um gemeinsam Kultur zu erleben. Daraus entsteht ein Gemeinschaftsgefühl, wie es wahrscheinlich nur auf Festivals zu spüren ist. Und genau dieses Gefühl wollte Fotograf Mischa Haller im Jahr 2024 einfangen. Während die meisten Besucher nach einer langen Partynacht erschöpft in ihre Zelte zurückkehren, stellt sich Haller den Wecker. Jeden Abend geht er ungewöhnlich früh schlafen, um noch vor Sonnenaufgang mit seiner Kamera über das riesige Festivalgelände zu streifen. Dort fing er eine andere Seite Glastonburys ein: Nachtschwärmer:innen, die die Party am Laufen hielten, Reinigungsteams bei der Arbeit, freiwillige Helfer:innen, einsame Gestalten auf der Suche nach ihren Freund:innen und kleine Gruppen, die gemeinsam den Sonnenaufgang genossen. Hallers Fotografien zeigen Müdigkeit, Euphorie, Orientierungslosigkeit und Gemeinschaft oft innerhalb eines einzigen Bildes.
Glastonbury never sleeps. Not really. Time gets scrambled here, blurring the border between night and day. [...] What happens after the after-hours? The rhythm of Glastonbury grows fuzzier, shaggier, totally unbound. This is the time of peak wandering, tripping through the lights and laughter with no particular destination in mind. Never mind your maps and watches, you’re in a liminal world, between here and there, night and day.
Das Buch schafft es, in 38 Farbfotografien eine atmosphärische Geschichte von Glastonbury und seinen Besucher:innen zu erzählen. „Not Done Yet“ knüpft an Hallers vorheriges Fotobuch „Not Going Home“ an, in dem er bereits Ende der 1990er-Jahre die britische Clubkultur nach Sonnenaufgang dokumentierte. Auch dort interessierte ihn weniger das eigentliche Nachtleben als vielmehr der Moment danach.