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Brutalismus 3000
Brutalismus 3000
KW33 Album der Woche

Brutalismus 3000 "HARMONY"

Wie findet man Harmonie in einer Welt, in der sich kaum noch etwas sicher anfühlt? Mit ihrem zweiten Album Harmony präsentieren Brutalismus 3000 ihre ganz eigene Definition davon.

zwischen Chaos, Gegensätzen und dem Versuch, die Welt um sich herum zu verstehen. 

2018 lernten sich Theo Zeitner und Victoria Vassiliki Daldas über Tinder kennen, zwei Jahre später gründeten sie Brutalismus 3000. Von Beginn an trafen Brutalismus 3000 einen Nerv, mit dem sich vor allem eine junge Generation von Raver:innen identifizieren konnte. Mit hartem Techno, Punk-Attitüde und Tracks wie Satan Was a Babyboomer, Ich hab meine Tage im Berghain und No Sex with Cops standen sie für Provokation, Brachialität und Rebellion. Genau diese rohe Energie machte das Duo schnell zu einem der auffälligsten Acts der Berliner Techno-Szene. Spätestens ihr Boiler-Room-Set in London verschaffte ihnen den internationalen Durchbruch und wurde inzwischen rund 8,6 Millionen Mal aufgerufen. Seitdem spielen Brutalismus 3000 auf den größten Festivalbühnen der Welt – von Coachella über EDC bis hin zu Lollapalooza. 

Musikalisch hat sich seit dem Debütalbum ULTRAKUNST (2023) einiges verändert. Während ULTRAKUNST noch stark den damaligen Platz von Brutalismus 3000 innerhalb der deutschen Clubszene widerspiegelte, verlief die Arbeit an Harmony deutlich komplexer. Doch letztendlich landeten Zeitner und Daldas wieder bei den Elementen, die Brutalismus 3000 ursprünglich ausmachten und erlaubten sich dadurch mehr kreative Freiheit. 

So entstand Harmony – eine Platte, die Brutalismus 3000 schon immer machen wollten. Ein Album, das sich nicht mehr danach richtet, wie ein Track im Club funktionieren muss. Stattdessen verbindet es Einflüsse aus unterschiedlichsten Ecken der Welt und überschreitet dabei immer wieder Genregrenzen. Dubstep, Trap, Punk, Nu Metal und Techno treffen aufeinander und ergeben einen Sound, der genauso hart wie erfrischend vielseitig ist. Verzerrte Metal-Gitarren, Trap-Drums, Gabber-Kicks und schrille Synths verleihen den Tracks ihre Wucht, gleichzeitig zieht sich auch eine überraschend melancholische Stimmung durch das Album. 

Harmony
Harmony

„Dieser ganze Hard-Techno-Film wurde irgendwann echt schal und hatte stellenweise schon was von einem Zirkus“, sagt Theo Zeitner über den Signature-Sound seiner Heimatstadt. „Irgendwann dachten wir einfach: Scheiß drauf, wir sind jetzt etabliert, also machen wir genau das, worauf wir Bock haben.“ Und genau das hört man Harmony an. Über 13 Tracks hinweg ziehen Brutalismus 3000 kompromisslos ihr eigenes Ding durch und klingen dabei so eigen, ausdefiniert und klar in ihrer Vision wie nie zuvor. 

Wie schon bei früheren Produktionen entstand Harmony im engen kreativen Austausch zwischen Zeitner und Daldas. Mit Dylan Brady von 100 gecs und Boys Noize holten sie sich zusätzlich zwei renommierte Co-Produzenten an die Seite. Während Brady bereits früh neue Impulse in den Entstehungsprozess einbrachte, verpasste Boys Noize einzelnen Tracks später den letzten Feinschliff. 

Tracks wie Garland und You Were Never Really Here (But I Miss Ya) liefern mit Trap-Beats und Dubstep-Drops gewaltiges Moshpit-Potenzial. No Friends at The Company und A Milli treiben dagegen Daldas’ verzerrte Stimme bis an ihre rauesten Grenzen. Dabei kreist Harmony immer wieder um Themen wie gesellschaftliche Unsicherheit, Kontrollverlust und eine Welt, in der Länder und Menschen zunehmend stärker auseinanderdriften. So schreit Daldas in No Friends at The Company die Zeile „there are no friends at the border“, während das Feature I Bring My Gun To The Function mit Boys Noize zwar mit einem bewusst aggressiv klingenden Titel spielt, tatsächlich aber von Selbstschutz handelt – in einer Gegenwart, in der selbst auf einer Party plötzlich so etwas wie eine Kriegsstimmung mitschwingt. Einen anderen Ton schlägt Friends At The Pigshed an: Der gemeinsam mit Underworld entstandene Track zählt für Victoria Daldas zu den persönlichsten Momenten des Albums und zeigt eine deutlich emotionalere Seite von Harmony. 

Für einen der überraschendsten Momente sorgt Anya Taylor-Joy auf Morning Is For The Happy. Die Schauspielerin lernte das Duo bei einem Festival in Budapest kennen und rezitiert auf dem Track ein Gedicht von Theo Zeitner über einen düsteren Hangover. Zwischen all den Bässen und verzerrten Stimmen wirkt ihre fast rätselhafte Performance wie ein kurzer Moment stoischer Ruhe.  

Hollywood-Star Anya Taylor-Joy, Hyperpop-Pionier Dylan Brady, Boys Noize und die britischen Club-Ikonen von Underworld auf einer Platte – auf dem Papier klingt Harmony zunächst eher nach kontrolliertem Chaos. Genau deshalb war der Albumtitel auch fast als ironischer Gag für dieses etwas disharmonische Werk gedacht. Doch je weiter die Arbeit am Album voranschritt und je stimmiger alles ineinandergriff, desto richtiger fühlte sich der Titel an. 

Chaos und Ordnung, Härte und Verletzlichkeit, Euphorie und Überforderung – Harmony versucht nicht, die Widersprüche einer unsicheren Welt aufzulösen, sondern ihnen Raum zu geben. Genau darin haben Brutalismus 3000 ihre ganz eigene Form von Harmonie gefunden – und die besteht darin, auch im Chaos der eigenen Identität treu zu bleiben.