Bonobo "Distance In Static"
"Oh ja, ich schätze, einiges davon habe ich tatsächlich gemacht", sagt Simon Green, während er auf seine mittlerweile mehr als 25-jährige Karriere als der Mann hinter der Musik von Bonobo zurückblickt
"Oh ja, ich schätze, einiges davon habe ich tatsächlich gemacht", sagt Simon Green, während er auf seine mittlerweile mehr als 25-jährige Karriere als der Mann hinter der Musik von Bonobo zurückblickt
„Ich möchte die Idee stärken, dass man mehr als nur eine Sache sein kann“, erklärt Green. Genau diese Dualität – Livekünstler und DJ, introspektiver Komponist und cluborientierter Selector zugleich – bildet das Herzstück seines neuesten Albums Distance in Static. Es ist eine Platte voller Tiefe, Details und Emotionen; wunderschön und zugleich druckvoll, unverkennbar Bonobo und dennoch jenseits dessen, was ein Bonobo-Album traditionell ausgemacht hat.
Auf dem Album arbeitet Green mit einer gewohnt außergewöhnlichen Auswahl von Künstler:innen zusammen, darunter Arooj Aftab, Joy Crookes, Nilüfer Yanya, Ichiko Aoba, Nicole Miglis von Hundred Waters und Aanya Martin. Die Texte sind auf Englisch, Urdu und Japanisch zu hören, historische iranische Samples und Guzheng-Aufnahmen treffen auf Greens eigene, akribisch bearbeitete Instrumentierung. Zusammengeführt wurde all das in Aufnahmesessions in Los Angeles, Tokio, London und darüber hinaus.
Ein großer Teil des Albums entstand in Neil Youngs legendärem Broken Arrow Ranch Studio in Woodside, Kalifornien. Ein Ort, der Green als zutiefst immersiv und kreativ transformierend beschreibt. „Das ist schon ein ziemlich unglaublicher Ort“, erinnert er sich. „Da hängt dieses Foto von Crosby, Stills, Nash and Young, wie sie dort alle in ihren Zwanzigern ohne Hemd jammen. Du siehst dieses Bild, schaust dann rüber und da ist tatsächlich genau dieser Ort, dieses Studio und diese Bandmaschine. Kreativ hat das etwas ziemlich Magisches.“ Versteckt zwischen Wäldern und Flüssen nahmen die Sessions beinahe klösterliche Züge an: „Ich habe diesen Ort zwei Wochen lang kein einziges Mal verlassen. Ich bin nicht in die Stadt gefahren. Ich habe mich nicht rasiert. Es war einfach sehr, sehr fokussiert. Ich habe Suppe und Kaffee gemacht und gearbeitet. In der Hütte ein kleines Feuer angezündet. Morgens bin ich durch die Wälder gewandert und habe Zeit am Fluss verbracht. Es war auch eine Art soziale Isolation – ich habe eigentlich mit niemandem gesprochen. Es war sehr meditativ.“
Ein entscheidender Track, der aus diesen Sessions auf der Ranch hervorging, war das bezaubernde Fire on the Water mit Arooj Aftab. Sie reiste von ihrem Wohnort New York an, um aufzunehmen, und die gemeinsame Session entwickelte sich zu einem Schlüsselmoment bei der Entstehung des Albums. Der Song entstand beinahe zufällig aus einem rohen Akustikgitarren-Loop, den Green eines Morgens aufgenommen hatte, während er die Eingänge des Studios testete. Als Aftab ihn hörte, reagierte sie sofort und legte Gesang auf Urdu darüber – mit einem Text, der von der Lyrik eines engen Freundes inspiriert war. So entstand einer der herausragenden Momente des Albums. „Als dieser Song entstand, konnte ich zum ersten Mal erkennen, wie das Album Gestalt annahm“, sagt Green. „Wir waren uns beide sofort einig: ‚Oh, das ist wirklich etwas Besonderes.‘“
Tracks wie Drift und Me and You wiederum verkörpern perfekt die stärker cluborientierte Seite des Albums und entwickelten sich in Greens jüngsten DJ-Sets schnell zu klaren Fan-Favoriten. Letzterer, ein von Green als „Kitchen Table Banger“ bezeichneter Track, entstand ursprünglich auf seinem Laptop, kurz nachdem er von einer Tour nach Hause zurückgekehrt war. Ausgangspunkt war der Wunsch, etwas zu schaffen, das fast vollständig vom Rhythmus getragen wird, inspiriert von den perkussiven Sounds, die er in Clubs gehört hatte. „Es hat einfach unglaublich viel Spaß gemacht und kam innerhalb von ein paar Tagen ziemlich schnell zusammen“, erklärt er. „Seitdem spiele ich den Track ständig in meinen Sets.“
Zu den weiteren herausragenden Kollaborationen des Albums gehört die soulvolle Intimität von Always on Your Side mit Joy Crookes sowie die Lo-Fi-Instrumentierung von Youths Fountain mit Nilüfer Yanya – bemerkenswert auch deshalb, weil auf diesem Track sämtliche Musiker:innen zu hören sind, die an der kommenden Liveshow beteiligt sein werden. Auf Talk to Me arbeitet Green erneut mit Nicole Miglis von Hundred Waters zusammen. Es ist das erste Mal, dass er auf seinen Alben ein zweites Mal mit derselben Sängerin kollaboriert. Der Track enthält zudem eine Backstage-Aufnahme, auf der die beiden während des Einsingens auf der „Fragments“-Tour gemeinsam harmonieren. Darüber hinaus finden sich auf dem Album die zarte Ballade Equinoctial mit der renommierten japanischen Künstlerin Ichiko Aoba sowie Can’t You See mit der in London lebenden Sängerin Aanya Martin.
Auch unter den cluborientiertesten Stücken des Albums gibt es Momente von großer emotionaler Schwere. So ist Uncasually nach dem Online-Namen einer engen Freundin Greens benannt, die im vergangenen Jahr verstorben ist. Der Track ehrt sie mit genau jener ekstatischen Befreiung auf dem Dancefloor, die sie selbst besonders geliebt hätte.
Der Titel des Albums Distance in Static ist vielleicht auch ein passendes Bild dafür, wo Green heute steht. Er weckt Assoziationen an verrauschte Übertragungen und flüchtige Frequenzen, an Fragmente von Erinnerungen und Bedeutung, die aus mehr als zwei Jahrzehnten an der Spitze der elektronischen Musik zurückhallen. Green erkennt Spuren seiner eigenen Arbeit darin, wie eine jüngere Generation Trip-Hop, Downtempo und experimentellere elektronische Musik der 90er-Jahre aus einer zeitgenössischen Perspektive neu entdeckt. „Ich glaube, die frühen Sachen, die ich gemacht habe, sind inzwischen zu etwas geworden, auf das sich jüngere Leute beziehen“, sagt er. „Mir gefiel die Vorstellung, nach einem weit entfernten Signal zu lauschen – zu versuchen, im Rauschen etwas zu finden.“ Das gesamte Album vermittelt dabei ein Gefühl der Suche nach Transzendenz: Musik, die irgendwo zwischen Intimität und Größe, zwischen Vertrautem und Unbekanntem schwebt.
Auch die visuelle Welt des Albums, die gemeinsam mit dem gefeierten Designer Trevor Jackson entstand, spiegelt diesen Wandel wider. Statt der von Landschaften inspirierten Ästhetik früherer Bonobo-Alben greift Distance in Static auf mikroskopische Fotografien des renommierten Mikrofotografen John I. Koivula zurück. Daraus entstehen kristalline, fremdartige Welten, die zugleich natürlich und außerirdisch wirken. Diese Motive werden sich auch durch die völlig neue Liveshow ziehen, die in Zusammenarbeit mit Pierre Claude entwickelt wurde und eine weitere Evolutionsstufe des Bonobo-Live-Erlebnisses markieren soll.
Tief im Universum von Distance in Static steckt zugleich das Gefühl, dass dieses Album – und insbesondere die dazugehörige Livetour – einen ziemlich monumentalen Moment markiert. Es ist ein Übergang, eine Feier von 25 Jahren Bonobo, vielleicht aber auch Greens letztes Album im traditionellen Sinne: mit zahlreichen prominenten Gästen und einer mehrjährigen Welttournee mit kompletter Liveband. „Wahrscheinlich ist es die letzte Runde in diesem Format“, räumt er ein. Und was kommt danach? „Ich weiß noch nicht genau, wie das aussehen wird. Im Grunde geht es darum, neu zu definieren, wie ich von hier an Musiker sein möchte.“
Was auch immer als Nächstes kommt, eines steht fest: Distance in Static ist wohl Greens bislang stärkstes Album, so ambitioniert und zukunftsgewandt wie eh und je und, falls es überhaupt noch einer Erinnerung bedurft hätte, ein eindrucksvoller Beleg dafür, warum Bonobo seit so vielen Jahren einen derart großen Einfluss auf so viele Menschen hat.