Digitalism "Optimism"
Mit ihrem fünften Studioalbum "Optimism" wollen Digitalism einen musikalischen Rückzugsort in unruhigen Zeiten schaffen.
Mit ihrem fünften Studioalbum "Optimism" wollen Digitalism einen musikalischen Rückzugsort in unruhigen Zeiten schaffen.
Als sich İsmail “Isi” Tüfekçi und Jens Moelle Anfang der 2000er in einem Hamburger Plattenladen kennenlernen, ahnt niemand, dass daraus eines der prägendsten deutschen Elektro-Duos entstehen würde. Heute, mehr als zwanzig Jahre später, veröffentlichen Digitalism mit Optimism ihr fünftes Studioalbum. Zwischen French House, Electro, Pop und ihrem charakteristischen Bunker-Sound schaffen Isi und Jens einen musikalischen Rückzugsort. Einen Ort, an dem man für einen Moment die Welt draußen vergessen darf.
Im Interview blickt das Duo auf eine Karriere zurück, die selbst für die beiden bis heute kaum vollständig greifbar erscheint. “Nichts davon war geplant”, versichern Jens und Isi. Nach dem Schulabschluss begann Jens neben dem Studium in einem Hamburger Plattenladen zu arbeiten. Dort lernte er Isi kennen, der beinahe täglich vorbeikam, um neue Platten zu kaufen oder an den bereitstehenden Turntables das Auflegen zu üben. Aus gemeinsamen Gesprächen über Musik wurden erste DJ-Sets, später eigene Produktionen. „Zwischendurch war uns mal langweilig. Dann haben wir, mit den Synthesizern, die dort herumstanden, noch ein paar Sounds den Platten hinzugefügt“, fällt Jens ein. „Wir haben den Kunden die Songs damals teilweise am Telefon vorgespielt. Die haben aber nicht immer verstanden, was sie da eigentlich hören.“ Mit der ersten eigenen Platte folgten die ersten Live-Auftritte. „Wir mussten anfangen, live zu spielen. Aber das war alles nie geplant“, erinnert sich Jens.
Wer verstehen möchte, warum Digitalism bis heute so klingen wie Digitalism, muss dorthin zurückgehen: in die Zeit, als Musik noch auf Vinyl entdeckt wurde und Plattenläden die sozialen Netzwerke der Clubkultur waren. Der hiesige Plattenladen entwickelte sich schnell zu einem Treffpunkt der Hamburger DJ-Szene. Neue Veröffentlichungen waren oft heiß begehrt doch nur in kleinen Stückzahlen verfügbar. “Wenn fünf Exemplare einer Platte geliefert wurden, hatten Isi und ich meistens schon zwei davon unter dem Tresen versteckt”, lacht Jens. “Die anderen Kunden mussten sich um die restlichen Platten streiten.” Besonders die French-House-Bewegung jener Jahre hinterließ Spuren bei den beiden. Tracks wie Alan Braxes Running liefen im Laden in Dauerschleife.
Wir haben einfach Musik gemacht. Erst mit etwas Abstand merkt man, was für krasse Erfahrungen das eigentlich waren.
Was danach folgte, liest sich heute wie eine Chronik elektronischer Musik der vergangenen zwei Jahrzehnte. Digitalism veröffentlichten mit Idealism eines der stilbildenden Elektroalben der 2000er-Jahre, remixten Künstler wie den White Stripes, Daft Punk, Depeche Mode und The Cure und schafften den Sprung aus dem Club auf die Festival- und Konzertbühnen der Welt. Während viele Fans diese Jahre als spektakulären Aufstieg beobachteten, fühlte es sich für die beiden selbst oft überraschend unspektakulär an. “Damals waren wir ständig im Machen”, erklärt Jens. “In dem Moment ging alles so schnell, dass wir oft gar nicht realisiert haben, was um uns herum eigentlich passierte.” Ob eine Anfrage vom Nachbarn kam oder von internationalen Größen wie Depeche Mode, machte in ihrem jugendlichen Arbeitswahn oft kaum einen Unterschied. “Wir haben einfach Musik gemacht. Erst mit etwas Abstand merkt man, was für krasse Erfahrungen das eigentlich waren. Heute könnten wir uns stundenlang darüber unterhalten.”
Dass ihre Musik bis heute Einfluss auf die Szene hat, zeigte sich zuletzt 2024: Der Berliner Musiker Zartmann sampelte den Digitalism-Klassiker Pogo, der daraufhin allein auf Spotify rund 30 Millionen Streams erreichte. Gleichzeitig ermöglicht ihnen ihr eigenes Label Magnetism heute, Musik vollständig nach ihren eigenen Vorstellungen zu veröffentlichen.
Bei ihrem fünften Studioalbum stand, bevor auch nur ein einziger Song geschrieben war, zuerst der Titel fest: Optimism. Der Begriff “Optimism” versteht sich als Gegenentwurf zur permanenten Überforderung der Gegenwart. Die Welt sei komplizierter geworden, finden beide. Genau deshalb wollten sie einen Ort schaffen, an dem Krisen, Unsicherheiten und permanente Reizüberflutung für einen Moment in den Hintergrund treten. “Wir hatten das Gefühl, dass viele Menschen, uns eingeschlossen, gerade einen Ort gebrauchen könnten, an dem man für einen Moment innehalten kann”, erklärt Jens. Sie betonen jedoch, dass ihre Beweggründe das Album weder zu einem politischen Statement machen noch als Anleitung zum Glücklichsein verstanden werden wollen. “Wir wollen einfach Platz schaffen für ein bisschen was Gutes”, sagt Jens weiter. “Es ist so eine Art Rückzugsort, wo man hoffentlich auch mit einem Lächeln hinterher wieder rausgeht.”
Entstanden ist Optimism erneut in ihrem legendären Hamburger Bunkerstudio, in dem bereits das Debütalbum Idealism aufgenommen wurde. Diesmal stand dort allerdings deutlich mehr Equipment als sonst. Ein Freund hatte seine umfangreiche Sammlung hochwertiger Studio-Hardware eingelagert – mit ausdrücklicher Erlaubnis, alles zu benutzen. “Hauptsache es verstaubt nicht”, war die Ansage an das Duo. Und die machten von den neuen Möglichkeiten dankend Gebrauch. “Plötzlich standen dort Kompressoren, Verstärker und allerlei Equipment, das wir sonst vermutlich nie gleichzeitig zur Verfügung gehabt hätten”, sagt Jens. “Das hat dem Album definitiv neue Klangfarben gegeben.” Ob trotz oder gerade wegen der neuen Instrumente, Optimism trieft nur so vor ihrem unverkennbaren Digitalism-Sound. In jeder Sekunde stecken Jens und Isi. “Ich glaube, egal was man uns an Equipment gibt, wir nutzen das eh auf unsere Weise und da kommt dann dieser Digitalism-Sound raus”, überlegt Jens. Und weiter: “Egal was wir versuchen oder machen, irgendwie landen wir immer wieder bei diesem, wir nennen das Bunkersound – wo wir uns austoben und viel zu laut aufdrehen können und machen können, was wir wollen, bis spät in die Nacht. Das ist ein bisschen Trademark geworden.” Für Isi ist genau das Teil ihrer musikalischen Identität. Schon im Plattenladen seien sie von Musik fasziniert gewesen, die nicht perfekt und glatt klang: “Je frecher eine Produktion war, desto interessanter fanden wir sie. Dieser Ansatz begleitet unsere eigene Musik bis heute.”
Ich glaube, egal was man uns an Equipment gibt, wir nutzen das eh auf unsere Weise und da kommt dann dieser Digitalism-Sound raus
Track fünf, Inspiration Room Interlude, beschreibt, wie die beiden ins Studio (der Bunker) kommen, sich einen Kaffee zieht, bisschen Mukke hören und sich einfach treiben lassen. Auf die Frage, ob das Album tatsächlich so entstanden ist, lachen die beiden. Vielleicht nicht ganz. Musikalisch arbeiteten Digitalism so, wie sie es seit über zwanzig Jahren tun: intuitiv und spontan. “Wir samplen uns oft selbst, spielen Ideen ein, jammen herum und schauen irgendwann, welche Fragmente zusammenpassen”, beschreibt Isi ihren Arbeitsprozess. Aus einzelnen Skizzen entwickeln sich Songs oft über viele kleine Schritte.
Obwohl Digitalism seit jeher elektronische Musik produzieren, suchten sie diesmal bewusst nach mehr organischen Elementen. Die Erleuchtung kam aus dem eigenen Umfeld. Ihr Labelmanager Michael Borwitzky, früher Schlagzeuger der Punkbands Union Youth und Pictures, hatte Lust, wieder hinter einem Drumkit Platz zu nehmen. Also luden ihn Isi und Jens kurzerhand ins Studio ein: “Die Drums sind am Ende auf vielen Songs gelandet und ziehen sich wie ein roter Faden durchs Album”, betont Jens. Tatsächlich prägen die Aufnahmen den Charakter von Optimism stärker, als man zunächst vermuten würde. Die eingespielten Schlagzeugspuren wurden anschließend mit Drum-Machines, Techno-Kick-Drums und Synthesizern kombiniert. Isi findet: “Manche Dinge kann man programmieren, andere muss man einfach spielen.” Besonders bei Tracks wie Double Jam seien Fills und Übergänge entstanden, die am Computer so vermutlich nie entstanden wären. Dahinter steckte auch der Wunsch, sich selbst wieder zu überraschen: “Vieles klingt heute sehr ähnlich. Das ist überhaupt keine Kritik an anderen Produzenten. Wir wollten einfach etwas finden, das für uns wieder aufregend ist.”