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Strafprozess zur Loveparade-Katastrophe

Strafprozess zur Loveparade-Katastrophe

Beobachter erwarten einen der größten Prozesse der Nachkriegszeit

Mehr als sieben Jahre nach dem Loveparade-Unglück stehen zehn Beteiligte vor Gericht.


Mit einer Flut von Anträgen hat der Strafprozess um die Loveparade-Katastrophe begonnen.
45 Besucher hatten sich am Freitag zu Beginn im Saal eingefunden, das Gericht hatte mit einem wesentlich größeren Andrang gerechnet. Etwa fünfeinhalb Stunden mussten die Opfer und Angehörigen auf die Verlesung der Anklageschrift warten.

Der Prozess beginnt zäh. Immer wieder gibt es Unterbrechungen. Erst wegen organisatorischer Probleme, dann wegen technischer, dann kündigen mehrere Verteidiger Anträge an. Zum Auftakt wiesen die Verteidiger auf die Anwesenheit potenzieller Zeugen im Saal hin. Das Gericht unterbrach daraufhin die Verhandlung. Das Gericht hat noch gar keine Zeugen geladen und theoretisch kommen viele der Anwesenden in Frage. Schließlich werden zwei Zuhörer gebeten, den Saal zu verlassen, was sie auch ohne Widerspruch tun. Ein anderer Verteidiger stellt einen Befangenheitsantrag gegen zwei Ergänzungs-Schöffen (Ehrenamtliche Richter, die dem Hauptamtlichen Richter gleichgestellt sind). Ihre Töchter hatten die Loveparade besucht, aber bereits vor der Katastrophe wieder verlassen. Dies reiche für eine mögliche Befangenheit aus. Ein Nebenkläger unterstellt der Verteidigung eine Verzögerungstaktik. Auch der Vorsitzende Richter will die Anklage verlesen lassen, da kündigen weitere Verteidiger eine Besetzungsrüge gegen das Gericht an. "Es kann nicht sein, dass wir hier mit einem Gericht sitzen, dass möglicherweise fehlerhaft besetzt ist", sagt einer der Anwälte. Die Verhandlung wird daraufhin erneut unterbrochen.


Alle Fakten zum Prozess:

Am 24. Juli 2010 waren viele Zehntausend Menschen nach Duisburg zur Love Parade gekommen. Was eine riesige Party werden sollte, endete tödlich: Als zu viele Besucher gleichzeitig an dem einzigen Ein- und Ausgang des Veranstaltungs-Geländes waren, wurden 21 Besucher zwischen 17 und 38 Jahren in den Menschenmassen erdrückt. Mindestens 652 Menschen wurden verletzt. Viele von ihnen leiden bis heute körperlich und seelisch unter den Folgen.

Wer sitzt auf der Anklagebank?
In dem Verfahren soll geklärt werden, wie es dazu kommen konnte - und wer im strafrechtlichen Sinne Schuld trägt. Dabei sitzen nicht diejenigen auf der Anklagebank, die kurz nach dem Unglück in der öffentlichen Meinung als Schuldige ausgemacht wurden: Duisburgs damaliger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) und der Chef des Veranstalters Lopavent, Rainer Schaller. Die beiden sind in dem Verfahren nicht angeklagt. Sie treten als Zeugen auf. Es lägen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass die beiden selbst Einfluss auf die fehlerhafte Planung oder die Erteilung der Genehmigung genommen hätten, hieß es von der Staatsanwaltschaft.
Angeklagt sind stattdessen vier Mitarbeiter des Veranstalters Lopavent und sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg, darunter der ehemalige Stadtentwicklungsdezernent sowie die damals zuständige Leiterin des Amts 62 für Baurecht und Bauberatung der Stadt Duisburg.

Was wird den Angeklagten vorgeworfen?
Die insgesamt zehn Angeklagten müssen sich wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft den vier leitenden Lopavent-Mitarbeitern vor, schwerwiegende Fehler bei der Planung gemacht zu haben. Vor allem die Rampe soll zu eng gewesen sein, um die vorhergesagten Besucherströme aufnehmen zu können. Den Mitarbeitern der Stadt wirft die Anklage vor, die notwendigen Pläne genehmigt und so ermöglicht zu haben, dass die Love Parade stattfand. Das System habe zu einem frühen Zeitpunkt versagt, lange bevor die Veranstaltung stattfand. Schon da seien die Gefahren absehbar gewesen.
Es liegt ein neues Gutachten des Sachverständigen Jürgen Gerlach vor: Der Professor für Straßenverkehrsplanung und -technik kommt darin zu dem Ergebnis: Wenn das Konzept der Love Parade im Vorfeld mit Fachverstand überprüft worden wäre, hätte man den Gefahren ganz anders begegnen oder die Veranstaltung absagen müssen. Mehr noch: Wären zu dem Event tatsächlich so viele Menschen gekommen, wie vorab genehmigt worden war, hätte die Katastrophe noch weit schlimmer ausfallen können, wie aus Gerlachs Gutachten hervorgeht. Tatsächlich seien es etwas mehr als 100.000 Besucher gewesen, die Veranstaltung sei jedoch für mehr als doppelt so viele genehmigt gewesen.

Und warum beginnt der Prozess erst jetzt?
Zunächst zogen sich die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Duisburg über dreieinhalb Jahre hin. 96 Polizisten vernahmen 3409 Zeugen und sichteten Videomaterial mit den Aufnahmen von Überwachungskameras und Handys in einer Gesamtlänge von rund 1000 Stunden. Fünf Staatsanwälte und ein Abteilungsleiter waren mit dem Fall befasst. Mehr als zwei Jahre lang prüfte dann eine Kammer des Landgerichts Duisburg die Anklage, ließ sie am Ende aber nicht zur Hauptverhandlung zu. Eine Beschwerde der Staatsanwaltschaft beim Oberlandesgericht Düsseldorf dagegen hatte Erfolg.

Warum findet der Prozess nicht in Duisburg statt?
Die zehn Angeklagten werden von rund 30 Verteidigern vertreten. Der Anklage haben sich rund 60 Nebenkläger angeschlossen. Für sie setzen sich weitere 35 Anwälte ein. Zudem werden zahlreiche Pressevertreter erwartet. Weil kein Saal des Landgerichts Duisburg groß genug für so viele Menschen ist, findet die Hauptverhandlung in einem Saal des Kongresszentrums in Düsseldorf statt. Er bietet rund 500 Personen Platz. Mehr als 300 Plätze stehen für Zuhörer und Pressevertreter zur Verfügung.
Der Prozess werde für Hinterbliebene, Überlebende und andere Betroffene eine "enorme seelische Belastung sein", sagt Jürgen Widera, Vorstand der Stiftung "Duisburg 24.7.2010". Die Stiftung organisiert daher für jeden Verhandlungstag Notfallseelsorger und Psychologen, die sich um Betroffene kümmern.

Wann endet die Verjährungsfrist?
Das Duisburger Landgericht muss unter einem gewissen Zeitdruck arbeiten, weil sonst eine Verjährung eintritt. Die Verjährungsfrist orientiert sich am möglichen Strafmaß für die Angeklagten. In dem Verfahren droht ihnen im Falle einer Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren. Nach fünf Jahren sind solche Taten verjährt - wenn die Verjährung nicht unterbrochen wird, etwa durch Vernehmung eines Beschuldigten. Das Strafgesetzbuch setzt eine Obergrenze: Die Verfolgung einer Straftat verjährt spätestens, wenn ein Zeitraum verstrichen ist, der dem Doppelten der gesetzlich festgelegten Verjährungsfrist entspricht. Die sogenannte absolute Verjährung tritt also im Fall der Love Parade nach zehn Jahren ein - sollte es bis Ende Juli 2020 kein erstes Urteil geben.

Bis Ende 2018 hat das Gericht 111 Verhandlungstage angesetzt.

Wir sind in Gedanken bei allen Opfern, ihren Angehörigen und allen Menschen, die an diesem Tag dabei waren. Wir wünschen allen Beteiligten viel Kraft für die kommende Zeit.

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